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Mit den Langen in Zürich
Grossgewachsene Männer und Frauen haben es nicht immer leicht. Im Klub Langer Menschen geben sie sich Tipps und finden Tanzpartner. Diese Woche reisen sie aus ganz Europa zum grossen Treffen in Zürich an.
Sie geniessen den Stadtbummel und die Begegnungen auf Augenhöhe: Insgesamt 250 Teilnehmer aus europäischen und nordamerikanischen Klubs Langer Menschen treffen sich diese Woche in Zürich.

Zürich zeigt sich an diesem sonnigen Morgen von seiner besten Seite. «Ich bin richtig stolz auf die Stadt», sagt Nelly Aebi, die hier seit jeher lebt und nun ihre Reisegruppe über die Münsterbrücke Richtung Grossmünster führt. Abgelenkt von der 1,85-Meter-Frau und ihren langen Begleitern bleibt eine japanische Touristengruppe stehen und schaut den Langen verwundert hinterher.

Die Klubs Langer Menschen (KLM) sind diese Woche in Zürich zu Besuch. 250 Mitglieder aus Europa und Übersee haben sich angemeldet (der Längste misst 2,30 Meter). 60 Teilnehmer unternehmen, angeführt von Nelly Aebi und vier Kollegen vom KLM Zürich, einen Stadtbummel. Andere besuchen das Tram­museum, haben sich für die Barfussdisco angemeldet oder beteiligen sich am Tagesausflug an den Rheinfall. Den Abschluss bildet am Samstag der Galaabend im Kongresshaus.

KLM Zürich besteht seit 1962

Sich mit einem Partner auf Augenhöhe übers Tanzparkett zu bewegen, ist für viele der Höhepunkt ihres Aufenthalts – und einer der Gründe, sich einem KLM anzuschliessen. «Wenn ich früher im Dancing von einem Mann zum Tanzen aufgefordert wurde, dann aufstand und ihn mit meiner Länge übertraf, war das oft unangenehm», erinnert sich Nelly Aebi.

1966, mit 22 Jahren, trat sie deshalb dem 1962 gegründeten KLM Zürich bei. Und lernte dort gleich beim ersten Treffen ihren Ehemann kennen. Dieser erfüllt mit 1,90 Metern Länge gerade noch die Anforderungen für die Mitgliedschaft. Bei den Frauen beträgt die Mindestgrösse 1,80 Meter. Marie-Theres Wiesmann übertrifft diese Vorgabe locker. Mit 1,98 Metern gehört die Deutsche zu den längsten Frauen am Europatreffen in Zürich. Den engen Aufgang zum Grossmünsterturm schafft sie, ohne sich irgendwo zu stossen. «Ich bin ja mit meinem Körper gewachsen und weiss, wo und wann ich den Kopf einziehen muss.»

Schwierige Schulzeit

Auf Fragen zur Körpergrösse und auf die Blicke der Passanten reagiert Wiesmann gelassen und selbstbewusst. «Man lernt den Umgang mit seiner Länge – zudem ist die Gesellschaft heute offener als früher.»

Als schwierig haben viele ihre Schulzeit und Pubertät erlebt. Uwe Wenzel aus Frankfurt – mit 1,93 Metern einer der Kurzen unter den Langen – weiss noch gut, wie er früher als «langer Lulatsch» gehänselt wurde. Heute sieht er auch Vorteile: «Weil ich körperlich herausstach, wurde ich mehr gefördert als die anderen Kinder.» Nelly Aebi räumt ein, dass aber in der Regel von einer grossgewachsenen Schülerin auch mehr erwartet wurde. «Ich wollte wie die anderen Kinder sein und hab mich oft klein gemacht», erinnert sie sich. «Das sah meine Mutter nicht gern. Sie sagte stets, ich solle gerade hinstehen – und endlich aufhören zu wachsen.»

Um Rückenproblemen vorzubeugen, trainiert Nelly Aebi täglich. Mehr Mühe bereitet ihr das Reisen im öffentlichen Verkehr. Mit ihren 1,95 Metern findet Marie-Theres Wiesmann die Flugreisen besonders unangenehm. Sie ärgert sich, dass manche Airlines für die geräumigeren Sitzplätze beim Notausgang einen Aufschlag verrechnen. Sowieso sei das Leben ab einer gewissen Länge teurer. Mehr kosten extragrosse Betten und Überzüge – aber auch Kleider und Schuhe. Letzteres gilt jedoch nicht für alle. Nelly Aebi hat bloss Schuhgrösse 40. «Immerhin», sagt sie und lächelt. «So lebe ich wenigstens auf kleinem Fuss.»